Es geschah in unserer Mitte

9. Januar 2014|

In der Nacht vom 8. auf den 9. November vergangenen Jahres wurde das Mahnmal am Berlebach, das an die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten bzw. geflohenen jüdischen Bürger Berleburgs erinnert, geschändet. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen sofort in die Hand genommen. Doch bis heute ist,  abgesehen von dem Hinweis, dass ein Transparent mit der Aufschrift „Die ewige Lüge lebt weiter“ aufgestellt und rote Farbe auf das Mahnmal gegossen wurde, über die Art und Weise, wie die Schändung erfolgte, offiziell nichts bekannt gegeben worden.

Als Grund für dieses Vorgehen nannten die politischen Repräsentanten der Stadt Bad Berleburg und des Kreises Siegen-Wittgenstein die Bitte des Staatsschutzes, seine Ermittlungen nicht durch eine öffentliche Diskussion zu behindern. Außerdem sollten die Täter die Beachtung, die sie sich von ihrer Tat versprachen, nicht bekommen. Auch wir haben dieser Bitte entsprochen – bis heute.

Zwar reagierten einzelne Bürger, die Details der Schändung des Mahnmals erfahren hatten, empört, aber eine breite öffentliche Diskussion fand nicht statt, eine umfassende Information der Öffentlichkeit über die Vorgänge in der Nacht vom 8. auf den 9. November erfolgte nicht. Dies zu ändern, ist die Absicht der nachfolgenden Stellungnahme.

Die Schändung des Mahnmals als „Schmierereien“ zu bezeichnen, gibt die Tat nicht angemessen wieder. Nach unseren Informationen wurde die Schwarte eines Überläufers, d.i. ein junges Wildschwein, einschließlich des Kopfes an einem am Davidstern angebrachten Fleischerhaken aufgehängt. Im Maul des Tieres steckte eine zerfledderte Israelfahne. Vor dem Mahnmal war ein mit Schablone sorgfältig geschriebenes und an Holzstäben befestigtes Transparent mit der Aufschrift „Die ewige Lüge lebt weiter“ ausgelegt. Im Raum steht außerdem die Aussage, dass Gräber des anliegenden jüdischen Friedhofes mit Innereien eines Wildschweins bedeckt worden seien. Die Schändung des Mahnmals und des jüdischen Friedhofs erfolgte also durch eine vorbereitete, symbolisch auf die Entweihung des angegriffenen Ortes zielende Inszenierung.

Wir fragen:

Wie halten es die Bürger Bad Berleburgs und Wittgensteins mit ihrem Recht auf  umfassende und ungeschminkte Information?

Wo leben wir, dass vermutlich Zeugen, die als erste die Schändung des Mahnmals gesehen haben, diese nicht anzeigten? Gibt es unter uns eine heimliche Zustimmung zu dieser Tat bzw. den Wunsch, „mit dem ganzen Thema“ in Ruhe gelassen zu werden? Oder herrscht ein Klima der Angst, mit dem eigenen Namen in eine öffentliche Debatte hinein gezogen zu werden?

Nehmen die Bürger Bad Berleburgs und Wittgensteins wahr, dass die Schändung dieses Mahnmals alle Bürger angreift?

Wir stellen fest:

Die Schändung des Mahnmals „nicht gut zu finden“, reicht nicht. Diese Tat und das in ihr zum Ausdruck gebrachte Gedankengut der Nazis darf nicht gleichgültig achselzuckend hingenommen werden.

Die Demokratie und der öffentliche Raum sind darauf angewiesen, von engagierten Bürgern und Bürgerinnen verteidigt und geschützt zu werden. Dies setzt voraus, dass ihnen wichtige Informationen nicht vorenthalten werden. Wir fordern die Verantwortlichen auf, jetzt umfassend und lückenlos über die Vorgänge und den Stand der Ermittlungen zu informieren.

Neonazistisches Gedankengut, Antisemitismus und Rassismus, ein andere Menschen ausgrenzendes Wir-Gefühl gibt es nicht nur am äußersten Rand, sondern auch in der Mitte unserer Gesellschaft. Die Juden, deren Namen auf dem Mahnmal und auf den Grabsteinen des Friedhofs stehen, sind Bürger und Bürgerinnen Berleburgs gewesen.

Die Menschen, die in Bad Berleburg – bzw. in Wittgenstein – leben, gehören in ihrer Unterschiedlichkeit, was ihre Abstammung, Herkunft oder Religion angeht, zusammen, weil es ihre gemeinsame Aufgabe ist, ihr Zusammenleben in Freiheit, Solidarität und Frieden zu gestalten. „Es gibt kein Unrecht, das nur einem Einzelnen (wir ergänzen: oder einer Gruppe) angetan würde.“ (Leo Baeck)

Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit – Vorstand und Arbeitskreis für Toleranz und Zivilcourage Bad Berleburg

Dr. Achinger, Gerda; Achinger, Hartwig; Becker, Rainer; Bosch, Gabriele; Dinger, Manfred; Düsberg, Edeltraud; Kreuger, Ferdinande; Nier, Marie Luise; Prange, Hartmut; Schady-Singmann, Martina; Weissinger, Gisela-Ingrid; Weissinger, Johannes; Wolff, Klaus-Peter

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