AusländerInnenreferat und Roter Hörsaal gülenbewegt

16. Januar 2015|

Am Montag, den 12.01.2015 fand die Vorstellung eines Buchs des islamischen Predigers Fetullah Gülen mit dem Titel „Was ich denke, was ich glaube“ statt. Eingeladen waren der Übersetzer und Herausgeber, Ercan Karakoyun (Stiftung Dialog und Bildung[1],  „Forum für Interkulturellen Dialog, ikult e.V.) sowie Dr. phil. Marc Hieronimus (Manager, Historiker, ikult e.V.) und Prof. Dr. Christoph Bullmann (ev. Theologe, Bibel“wissenschaftler“). Veranstalter war das derzeitige autonome AusländerInnenreferat in Kooperation mit dem ikult e.V.[2]  Laut Darstellung des AusländerInnenreferats sollte die Veranstaltung der Aufklärung zum Thema Gülen-/Hizmet-Bewegung dienen. Eine Buchvorstellung mit anschließender Diskussion scheint zu diesem Zwecke nicht unbedingt die schlechteste Wahl. Neben der Frage, inwiefern das hier behandelte Thema im Interesse internationaler Studierender liegt – denn deren Belange zu vertreten schreibt sich das AusländerInnenreferat auf die Fahnen – bleibt ebenso die Frage offen, was eine religiöse Veranstaltung an einer öffentlichen, wissenschaftlichen Einrichtung zu suchen hat. Was die Referent*innen anbetrifft kann von einer distanzierten, wissenschaftlichen und kritischen Behandlung des Themas nicht die Rede sein. Dasselbe Trio zieht seit ca. 2010 durch die Lande um dem Publikum Fettulah Gülens „Lehren“ näher zu bringen.[3] Dabei wirkt Herr Karakoyun  bei min. drei der Hizmet-Bewegung nahestehenden Organisationen mit. Auch wenn Dr. Hieronimus während der anschließenden halbstündigen Diskussion beteuerte, dass er Atheist sei – um sich wohl von eventueller Befangenheit als Moderator freizusprechen, so arbeitet auch er für eine hizmetnahe Organisation.

Die Veranstaltung war mit ca. 80 Studierenden gut besucht und dauerte knapp zwei Stunden. Nachdem Abdullah Sevendik die Anwesenden kurz im Namen des AusländerInnenreferats begrüßte, leitete er das Thema mit der Behauptung ein, dass an der Universität Siegen angeblich Leute dazu gezwungen wurden sich von Gülen zu distanzieren. Daraufhin stellte Dr. Hieronimus sich sowie die beiden Referent*innen vor. Hieronimus stellte kurz das Thema vor und wies darauf hin, dass es sich bei der Veranstaltung um „etwas schöneres“ als eine Buchvorstellung handeln würde.  Herr Karakoyun ging dann in seiner Präsentation zuerst etwas auf den Lebensweg Gülens ein.  Auf einer Folie las man den Hinweis, dass Gülen in 1970ern für mehrere Monate in der Türkei in Haft saß, worauf Karakoyun in seinem Vortrag leider nicht näher einging.[4] Die Vorstellung des Buchs erfolgte daraufhin über Zitate sowie einige Erläuterungen und Interpretationen dieser durch Karakoyun. Nahtlos fuhr Prof. Dr. Bullmann mit weiteren Zitaten aus dem Buch sowie aus anderen Publikationen Gülens fort und präsentierte dem Publikum dazu seine Interpretationen.

Nach ca. 1 1/2 Stunden begann dann eine recht kontroverse aber leider nur sehr kurze Diskussion. Neben der Frage, ob es nicht doch als politisch zu werten sei (Gülen lehnt es laut Referent*innen ab Ideologien und Weltanschauungen über „politische Mittel“ zu verbreiten), dass die Hizmet-Bewegung u.a. Bildungseinrichtungen, in welchen auch Gülens Islaminterpretation gelehrt werden, unterhält und den „Dialog“ mit Politiker*innen sowie anderen gesellschaftlichen Akteur*innen sucht, wurden auch die Positionen zu anderen Religionen und gar zum Atheismus sowie „zur Rolle der Frau“  („Frauen können nahezu in jedem Beruf arbeiten“, so Karakoyun) angesprochen. Bei letzterem Thema kam konkret die Frage auf, in welchen Berufen Frauen denn nicht arbeiten können/sollen, woraufhin Prof. Dr. Bullmann antwortete, dass es vor wenigen Monaten in der Türkei ein Grubenunglück gab und wir doch wohl alle von Glück sagen können, dass unter den Opfern keine Frauen waren. Auch die Frage zum Verhältnis zu anderen Religionen sowie zum Atheismus wurde nur unzureichend beantwortet. Zwar beteuerten die Referent*innen, dass Atheist*innen und Andersgläubige toleriert und nicht diskriminiert werden, auf der anderen Seite ist in Gülens Publikationen sowie den Erläuterungen von Karakoyun und Bullmann die Rede von „Irrwegen“, wenn es um Anders-/Nichtgläubige geht. Hieran schließt die Frage nach einer Passage aus einem Text von Gülen, in welchem die Todesstrafe für Andersgläubige befürwortet wird. Laut Bullmann handelt es sich hier um ein Missverständnis. Denn habe Gülen hier nur unzureichend gekennzeichnet, dass es sich dabei nicht um seine Interpretation einer Sure aus dem Koran handele.[5] Das Verhältnis zu Anders-/Nichtgläubigen  blieb somit etwas unklar. Während, laut Referent*innen, für Gülen aus dem Recht auf Religionsfreiheit die „Verantwortung“ erwächst den (nicht-)Glauben anderer zu respektieren, warfen einige Kommiliton*innen ein, dass sie gerne frei von Religion leben würden bzw. einen steigenden religiösen Einfluss nicht weiter ertragen möchten. Eine klarere Aussage zu Nicht-/Andersgläubigen bietet vllt. die Aussage von Herrn Karakoyun, dass eine „volle individuelle Reife“ nur „möglich über weltliche und spirituelle Bildung“ sei. Wie diese „Reife“ zu erreichen ist, wissen höchstwahrscheinlich die hizmetnahen Bildungseinrichtungen, Stiftungen und Vereine. Zu guter Letzt verwiesen die Referent*innen auch immer wieder auf das jüngste Attentat in Paris auf das Satire Magazin „Charlie Hebdo“. Gülens Lehren ständen genau dieser Art des Islamverständnisses  entgegen. Gülen erteile einem „politischen Islam“ eine Absage, denn „Dialog sei das Mittel – nicht staatliche Macht“. Die letztjährigen Ereignisse um die Hizmet-Bewegung und die AKP-geführte Regierung in der Türkei lassen allerdings auf etwas anderes schließen.[6]

Alles in allem war es eine recht gemischte Veranstaltung. Die von Seiten des Publikums geäußerten kritischen Fragen und Anregungen wurden meistens um- oder übergangen. Auch der Moderator, Dr. Hieronimus moderierte weniger als das er sich mehr vor die beiden Referent*innen stellt, teilweise für diese Antwortete, wenn an sie Fragen gestellt wurden und somit alles nur keinen neutralen Eindruck machte. Die Frage danach, was Religiöse Veranstaltungen an wissenschaftlichen Einrichtungen zu suchen haben blieb ebenfalls offen. Auch wenn Prof. Dr. Bullmann versuchte etwaigen Kritiker*innen mit der Aussage, dass Zitate Gülens nur aus dem Kontext gerissen werden und daher missverstanden würden, das Wasser abzugraben bemühe ich zur Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Religion ein Zitat Gülens: „Unsere Position muss klar definiert sein, und sieht folgendermaßen aus: Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen oder von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.[7]

Als AStA der Universität Siegen achten wir besonders die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung autonomer Referate, wie dem autonomen AusländerInnenreferat. Ferner sind die Aktivitäten der autonomen Referate grundsätzlich zu begrüßen. Es lässt sich jedoch feststellen, dass das autonome AusländerInnenreferat derzeit mit wenig seriösen Lobbyorganisationen zusammenarbeitet und jenen unter dem Deckmantel der Bildung und Aufklärung noch eine Bühne bieten, die unserer Ansicht nach keine an einer öffentlichen, wissenschaftlichen Einrichtung haben sollten. Über dies hinaus sind autonome Referate offen für alle Studierenden. Die personelle Aufstellung verändert sich immer wieder. Wann das nächste Plenum des autonomen AusländerInnenreferats ist erfahrt Ihr auf unseren Seiten.

Mark Szau – Referent für politische Bildung und Hochschulpolitik

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